31.05.2026
Die CSU braucht eine Standortbestimmung, nicht die bundesweite Ausdehnung
Ob der Heilige Geist beteiligt war, als CSU-Vize Manfred Weber in seinem fünfseitigen „Pfingstbrief“ dem großen Vorsitzenden Markus Söder die Leviten las? Wohl kaum. Was der Chef der Europäischen Volkspartei (EVP) zu Papier brachte, hatte mit dem „Brausen vom Himmel“, wie es in der Bibel heißt, wenig zu tun. Es war vielmehr eine ganz irdische, knallharte Kritik an Söder, der eindeutig gemeint war, obwohl Weber seinen Namen gar nicht erwähnte. Dass der CSU Konzepte fehlten, dass Klick-Zahlen nicht das entscheidende Kriterium sein könnten und dass der Partei eine Grundsatzdiskussion gut tun würde, das alles zielte eindeutig auf Söder ab.
Söders Problem ist offenkundig. Er sprüht vor Ideen, weiß, wie man Politik verkauft und führt die Partei straff als Ein-Mann-Unternehmen. Doch ist Söder alles andere als ein erfolgreicher Wahlkämpfer. Er konnte bei zwei Landtagswahlen weder die AfD dezimieren noch die Freien Wähler in Schach halten. Jetzt kam das mit 32,5 Prozent historisch schlechteste Kommunalwahlergebnis hinzu. Die CSU verlor gleich 13 Landratsposten an die Freien Wähler. Das schmerzt besonders, weil die Stärke der CSU nicht zuletzt auf den vielen „kleinen Königen“ in den Landratsämtern beruht.
Gauweiler: Weber soll gegen Söder antreten
Webers Kritik wurde von Söder-Vertrauten wie dem Fraktionsvorsitzenden Klaus Holetscek oder CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann prompt zurückgewiesen, vom CSU-Ehrenvorsitzenden Theo Waigel hingegen als „legitimer Anstoß“ gewürdigt. Die deutlichsten Worte fand CSU-Urgestein Peter Gauweiler. Der schlug Weber vor, bei der nächsten Vorstandswahl gegen Söder anzutreten oder von seinem Posten als Söder-Vize zurückzutreten, wenn der Kurs der Partei so falsch sei.
Gauweiler, ein Vertreter der Klartext-Fraktion, machte in einem Gespräch mit „Welt-TV“ zugleich noch einen Vorschlag, wie die CSU an Gewicht und Bedeutung zulegen könnte. Er wärmte den wie das Ungeheuer von Loch Ness immer wieder auftauchenden Vorschlag auf, die CSU solle bei der nächsten Bundestagswahl auch außerhalb Bayerns antreten. Neu bei Gauweiler: Dies solle in einer Listenverbindung mit den Freien Wählern geschehen. Diesem Projekt gibt Gauweiler schon deshalb gute Chancen, weil es in Deutschland eine Mehrheit „Mitte-rechts“ gebe, das Land aber „Mitte-links“ regiert werde.
Die CSU bundesweit auszudehnen, das hatte schon der große Franz Josef Strauß in dem legendären Kreuther Beschluss von 1976 angestrebt. Doch schreckte Strauß schnell wieder zurück, als Helmut Kohl die Gründung eines CDU-Landesverbands in Bayern ankündigte. Dann wäre es nämlich vorbei gewesen mit der damaligen CSU-Herrlichkeit und ihren Wahlergebnissen von „50 plus X Prozent“.
Die Söder-CSU - beweglich und beliebig
Theoretisch lässt sich sich gut begründen, dass die CSU außerhalb Bayerns konservative Wähler überzeugen könnte, denen die CDU zu „sozialdemokratisch“ geworden ist. Nur: Die CSU hat unter Söder schon lange nicht mehr das klare Profil wie noch unter Edmund Stoiber. Die CSU Söders, der mal Bäume umarmt und dann die Grünen am liebsten auf dieselben jagen würde, lässt die Konturen vermissen, die einst ihre Stärke ausmachten - ein moderner Konservatismus gepaart mit sozialem Gewissen. Söders Beweglichkeit hat zu einer gewissen Beliebigkeit geführt.
Unterstellt, eine außerhalb Bayerns kandidierende CSU könnte die auf die Unionsparteien entfallenden Stimmen vermehren, so wäre das für die CDU nachteilig. Denn die Zahl der CDU-Abgeordneten in der CDU/CSU-Fraktion würde sinken, der Einfluss der CSU dagegen gestärkt. Profitieren würden in erster Linie die CSU und in ihrem Gefolge die Freien Wähler. Aus CDU-Sicht keine verlockende Perspektive.
Spielereien nutzen niemandem
CSU-Kandidaten auch außerhalb Bayerns? Diese Idee ist schon zu lange und zu oft diskutiert worden, ohne die strikten Bedenken der CDU dagegen zu zerstreuen. Im schlimmsten Fall würde die CDU in Bayern Direktkandidaten aufstellen, was die CSU viele Direktmandate kosten würde. Ein „Bruderkrieg“ wäre nicht auszuschließen. Wie die Geschichte lehrt, verlaufen solche Auseinandersetzungen besonders blutig. Das wäre hier nicht anders. Denn CDU und CSU würden weitgehend um dieselben Wähler kämpfen.
Statt solcher theoretischer Spielereien täte die CSU besser daran, die von Waigel im Sinne Webers geforderte „Grundsatzdiskussion“ zu führen. Bayern steht unverändert im Ländervergleich gut da, was auch das Verdienst der CSU-geführten Landesregierungen ist. Aber gemessen an den Wählerstimmen wird die CSU tendenziell schwächer. Über die Gründe nachzudenken, wie sich das ändern ließe, verspräche mehr Erfolg, als Gedankenspiele über eine Ausdehnung über Bayern hinaus.
(Veröffentlicht auf www.cicero.de am 30. Mai 2026)
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