Müller-Vogg am Mikrofon

26.05.2026

Die AfD mit Hilfe der Linken bekämpfen? Das machte die CDU völlig unglaubwürdig

Sachsen-Anhalt ist mit 2,13 Millionen Einwohnern das zweitkleinste Bundesland; bei der Wirtschaftskraft rangiert es sogar auf dem letzten Platz. Dennoch drehen sich in diesem Wahljahr die politischen Diskussionen vor allem um die Frage, wer künftig in Magdeburg regiert.

Es spricht nämlich viel dafür, dass die AfD bei der Landtagswahl Anfang September hier mit mehr als 40 Prozent die mit Abstand stärkste Fraktion wird. Es könnte sogar sein, dass die Rechtsaußenpartei die absolute Mehrheit der Sitze erringt.

CDU als Juniorpartner der AfD wäre die ultimative Demütigung

Die CDU hat bereits mehrfach kategorisch ausgeschlossen, in Magdeburg mit der AfD zu kooperieren oder gar zu koalieren. Dem steht der „Brandmauer“-Beschluss der Bundes-CDU entgegen, der jegliche Zusammenarbeit mit der AfD ebenso wie mit der Linkspartei ausschließt.

Ganz abgesehen davon wäre es die ultimative Demütigung der CDU, wenn sie zum Juniorpartner der AfD würde. Denn in allen Umfragen liegt die AfD mit mehr als 40 Prozent deutlich vor der CDU mit 24 oder 25 Prozent.

Was die Sache besonders kompliziert macht: Allen Umfragen zufolge könnten nur CDU und Linke gemeinsam eine Regierung gegen die AfD bilden. Grüne und FDP haben keine Chance und die SPD rangiert nur knapp oberhalb der Fünf-Prozent-Hürde.

Bei einer Spaltung der CDU hätte die AfD ihr Ziel erreicht

Nun gab es in der sachsen-anhaltinischen CDU schon immer Minderheiten, die mit einem Zusammenwirken mit der AfD liebäugelten. Allerdings müsste der CDU-Landesverband bei einer schwarz-blauen Koalition damit rechnen, aus der Bundespartei ausgeschlossen zu werden.

Sollte es dennoch zu einer solchen Koalition kommen, würde das zu einer Spaltung der CDU führen. Denn dann könnten auch andere ostdeutsche Landesverbände sich ermuntert fühlen, die Brandmauer einzureißen.

Eine Spaltung der CDU würde die politischen Koordinaten in Deutschland nachhaltig verschieben. Dann hätte die AfD ihr Ziel, die CDU zu zerstören, fast erreicht. SPD, Linke und Grüne bildeten dann die neue Mehrheit.

Mit Schwarz-Blau würde die CDU sich selbst verraten

Unabhängig von allen machtpolitischen Überlegungen: Blau-Schwarz oder Schwarz-Blau bedeuteten für die CDU den Verrat ihrer wichtigsten Prinzipien.

Denn: Die AfD will raus aus der EU und der Nato, macht aus ihrer völkischen Gesinnung keinen Hehl, würde das Land am liebsten „ausländerfrei“ machen und verhehlt nicht ihre Bewunderung für Diktatoren und Autokraten wie Putin, Trump oder Orban.

Selbst Le Pen ist die AfD zu extrem

Es ist bezeichnend, dass die AfD selbst dem rechtsradikalen „Front National“ in Frankreich zu radikal ist. Weshalb die Le Pen-Partei im Europäischen Parlament jede Zusammenarbeit mit der AfD ablehnt.

Ungeachtet aller gravierenden politischen Unterschiede zwischen Union und AfD: Jede Form der engeren Zusammenarbeit würde die CDU einem öffentlichen „Shitstorm“ von links aussetzen, dem sie kaum standhalten könnten.

SPD, Grüne und Linke würden eine blau-schwarze Kooperation oder gar Koalition mit Hitlers Machtergreifung von 1933 gleichsetzen, massiv unterstützt von sogenannten „Nichtsregierungsorganisationen (NGO)“, die vom Staat finanziert gegen alles ankämpfen, was ihnen nicht links genug erscheint. Nicht zuletzt würden die öffentlich-rechtlichen Sender eine so massive Anti-CDU-Kampagne starten, wie sie das Konrad-Adenauer-Haus noch nie erlebt hat.

Um die Demokratie vor der AfD zu retten, wird deshalb seit Wochen der CDU von linken Parteien und Publizisten empfohlen, endlich die Abgrenzung zur Linken aufzugeben. Die Union solle halt der Demokratie zuliebe über ihren Schatten springen und die umbenannte SED als Vereinigung lupenreiner Demokraten akzeptieren.

Mit der Linken geht die CDU pragmatischer um als mit der AfD

Nun ist die CDU gegenüber der Linken schon jetzt offener als gegenüber der AfD. In Sachsen wie in Thüringen bemühen sich die CDU-Ministerpräsidenten Michael Kretschmer und Mario Voigt regelmäßig um Stimmen der Linken, weil ihre Koalitionen ohne eigene Mehrheit regieren müssen.

In Thüringen tolerierte die CDU sogar von 2020 bis 2024 die abgewählte rot-rot-grüne Landesregierung unter Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke). Nur so konnte diese gegen die AfD regieren. Die CDU vermied aber den Begriff Tolerierung, sprach lieber - verniedlichend- von einem „Stabilitätsmechanismus“.

Ebenfalls kein Berührungsängste mit der einstigen DDR-Staatspartei hatte die CDU/CSU im Mai 2025 gezeigt, als die Stimmen der Linken benötigt wurden, um bei der Kanzlerwahl einen schnellen zweiten Wahlgang zu ermöglichen. Plötzlich zählte die Linke zur demokratischen Mitte - jedenfalls für ein paar Stunden.

Mit der Linken kann die CDU keinen Staat machen

Gleichwohl sind die Gräben zwischen Union und der Linkspartei nicht viel flacher als zwischen Union und AfD. In der Linken plädieren starke Kräfte für mehr staatliche Regulierung, eine massive Umverteilung und die Verstaatlichung wichtiger Wirtschaftszweige. Hinzu kommen starke antisemitische Tendenzen und eine Ablehnung der Nato in ihrer heutigen Form. Da passt nichts zusammen.

Die „Bewegungslinken“ sind keine überzeugten Demokraten

Jenseits der praktischen Politik trennt die Linke auch ideologisch sehr viel von der Union. Ihr Verhältnis zur DDR schwankt zwischen ihrer Rechtfertigung und dem Einräumen von Unrecht. Die DDR einen Unrechtsstaat zu nennen, lehnt die Linke dagegen unverändert ab. So sehr will sie sich von ihren Altvorderen wie Honecker oder Modrow doch nicht distanzieren.

Auch das Verhältnis der Linken zur parlamentarischen Demokratie ist ambivalent. Sie wird von ihr akzeptiert. Zugleich setzen die „Bewegungslinken“ innerhalb der Partei darauf, Parlamente durch den „Druck der Straße“ zu entsprechenden Beschlüssen zu bewegen. Deshalb spricht viel dafür, dass der Parlamentarismus von der Linken eher hingenommen als aus Überzeugung akzeptiert wird.

Die Linke beruft sich noch immer auf die DDR

In ihrem Grundsatzprogramm bekennt sich die Linke zu „linksdemokratischen Positionen und Traditionen aus der sozialistischen, sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeiterbewegng“. Und. „Wir bündeln politische Erfahrungen aus der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland“ - in dieser Reihenfolge.

Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) hat dessen ungeachtet seiner Partei kürzlich empfohlen, „AfD und Linke nicht in einen Topf zu schmeißen.“ Denn: „Die AfD ist die deutlich größere Gefahr“.

Eine Minderheitsregierung wäre die glaubwürdigste Lösung

Diese Äußerung des CDU-Außenseiters Günther ist in den Medien überwiegend begeistert aufgenommen worden. Wird sie doch als Aufforderung verstanden, im Osten die AfD Seit‘ an Seit‘ mit der Linken zu bekämpfen.

Was viele offenbar - gern - übersehen: Wenn Günther die AfD für die größere Gefahr hält, dann stellt die Linke ebenfalls eine Gefahr dar. Was für die CDU jedoch die noch größere Gefahr wäre: Ein neues, völlig entspanntes Verhältnis zur umbenannten SED würde der AfD weitere Wähler in die Arme treiben.

Sollte es in Sachsen-Anhalt so kommen, wie die aktuellen Umfragen andeuten, wäre eine Minderheitsregierung der AfD die für die CDU glaubwürdigste Lösung. Jedenfalls glaubwürdiger als der Versuch, Rechtsextremismus Seit’ an Seit’ mit Linksradikalen zu bekämpfen.

(Veröffentlicht auf www.focus.de am 26. Mai 2026)


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