Müller-Vogg am Mikrofon

01.05.2026

Radikale 1.-Mai-Parolen offenbaren erschreckendes Unwissen

„Heraus zum 1. Mai“ rufen die Gewerkschaften Jahr für Jahr. Und die Arbeitnehmer gehen, sofern das Wetter schön ist, heraus – in Parks und Wälder, in Freibäder, in Biergärten. Aber immer weniger zu den Kundgebungen des „Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB)“.

Zum 1. Mai hat der Chef der SPD-Bundestagsfraktion, Matthias Miersch, den Mitgliedern seiner Fraktion einen vierseitigen Brief geschrieben. In dem Schreiben geht es um die bisherige Bilanz von Schwarz-Rot und die aktuellen Herausforderungen.

SPD-Mann Miersch: Kein Wort über Arbeitgeber

Darüber wie die Wirtschaft wieder in Schwung kommen könnte, verliert Miersch kein Wort. Die Begriffe Unternehmer oder Arbeitgeber tauchen nicht auf.

Miersch geht es vor allem um die Stärkung des Sozialstaats, weil der uns angeblich „zusammenhält“. Und natürlich um höhere Steuern.

Gewerkschaften: Erschreckender Mangel an ökonomischen Kenntnissen

In den Gewerkschaftsbüros wird man das gerne lesen und als Unterstützung für die eigene Arbeit sehen. Denn die Gewerkschaften sind längst nicht mehr stark wie noch in den 1980er-Jahren.

Den Gewerkschaftsfunktionären ist durchaus bewusst, dass immer weniger Arbeitnehmer gewillt sind, Mitglied zu werden, geschweige denn, sich am arbeitsfreien ersten Tag im Mai kämpferische Parolen anzuhören und rote Fahnen zu schwenken.

In diesem Krisenjahr versucht es die Gewerkschaft mit besonders radikalen Parolen, mit mehr Klassenkampf als sonst. „Erst unsere Jobs, dann eure Profite“ lautet die Parole am diesjährigen „Kampftag“.

Die Wortwahl ist verräterisch. In Profit ist im Gegensatz zu Gewinn abwertend gemeint. Da schwingt immer mit, der Profit wäre auf unredliche Weise zustandegekommen.

Mit dem herbeigeredeten Gegensatz von Arbeitsplätzen und Gewinnen offenbaren die DGB-Funktionäre einen erschreckenden Mangel an ökonomischen Kenntnissen. Denn kein Unternehmer beschäftigt Arbeitnehmer, wenn er mit den von ihnen hergestellten Produkten und erbrachten Dienstleistungen nicht einen Gewinn erzielen kann.

Ohne Gewinne gibt es keine Jobs

Es ist eigentlich so simpel, dass selbst auf Klassenkampf erpichte Gewerkschafter es verstehen müssten: Ohne Gewinne gibt es keine Jobs.

Der DGB beklagt den monatlichen Verlust von 10.000 Industriearbeitsplätzen. Das ist schlimm. Aber diese Unternehmen stellen die Produktion nicht ein oder verlagern sie ins Ausland, um ihre Mitarbeiter zu ärgern. Nein, sie geben auf, weil die Kosten höher sind als die Erlöse.

Denn kein Mensch gründet ein Unternehmen und riskiert dabei sein eingesetztes Kapital, um möglichst vielen Menschen einen gut bezahlten Arbeitsplatz anzubieten.

Nein, Unternehmer unternehmen etwas, um Gewinne zu erzielen. Und die klugen unter ihnen wissen, dass ihre Erfolgsaussichten umso größer sind, je besser und fairer sie ihre Mitarbeiter behandeln. Unsere Gewerkschaften sind – glücklicherweise – viel vernünftiger und weniger radikal als die französischen oder britischen. Unser bisheriger wirtschaftlicher Erfolg beruht auch auf der in den meisten Betrieben praktizierten Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.

Wo der Staat die Wirtschaft reguliert, ist der Wohlstand geringer

Aber in diesen unsicheren Zeiten versuchen die Gewerkschaften, aus der Angst vieler Menschen vor einem Jobverlust und angesichts steigender Lebenshaltungskosten die Arbeitgeber als Buhmänner zu verteufeln. In völliger Verkennung ökonomischer Zusammenhänge heißt es im Aufruf zum 1. Mai: „Unsere Arbeit schafft den Wohlstand – also müssen unsere Jobs an erster Stelle stehen“.

Wenn diese Theorie stimmte, brauchten wir uns um Wachstum und Wohlstand keine Sorgen zu machen. Man braucht demnach keine Gründer, keine Unternehmer, die ins Risiko gehen, keine Manager mit neuen Ideen – das machen die fleißigen Arbeitnehmer alles allein.

So einfach, wie der DGB suggeriert, ist die Welt leider nicht. Deshalb fordert er auch „eine Politik, die eingreift, reguliert und für spürbare Entlastung sorgt“. Dabei zeigen die weltweiten Erfahrungen: Wo der Staat die Wirtschaft reguliert, ist die Wohlstand geringer.

Die Parole „kämpferisch, solidarisch und entschlossen“ kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich immer weniger Arbeitnehmer von dieser kraftmeierischen Rhetorik angezogen fühlen. So kennen die Mitgliederzahlen der acht im DGB zusammengeschlossenen Einzelgewerkschaften nur eine Richtung: nach unten. 2025 zählten die Gewerkschaften 5,4 Millionen Mitglieder, 2000 waren es noch 7,7 Millionen, Anfang der 1990er Jahre sogar 11,8 Millionen.

Gewerkschaften verlieren Mitglieder

Die Zahlen wären noch niedriger, wenn nicht viele Rentner aus alter Anhänglichkeit – bei reduziertem Beitragssatz – weiterhin Mitglieder blieben. So befinden sich schätzungsweise 1,5 der 5,4 Millionen Gewerkschaftsmitglieder bereits im Ruhestand.

Umgekehrt fehlt der Nachwuchs. Nur knapp 11 Prozent der unter 30-Jährigen Arbeitnehmer gehören einer Gewerkschaft an. Bei den über 50-Jährtgen sind es dagegen 18 Prozent.

Den Gewerkschaften geht es nicht anders als vielen Verbänden: Die Bereitschaft, sich zu engagieren, sinkt. Mit dem Ausscheiden der Babyboomer aus dem Arbeitsmarkt verlieren viele Organisationen Mitglieder.

Im diesjährigen Mai-Aufruf fehlt es nicht an deutlichen Worten an die Adresse der Arbeitgeber („müssen endlich Verantwortung übernehmen“) und der Politik, „die die Interessen der Beschäftigten hintenanstellt“.

Dagegen fehlen Warnungen vor der „Gefahr von rechts“, die DGB-FUnktionären sonst leicht von den Lippen geht. Offenbar nimmt der DGB da Rücksicht auf den wachsenden Anteil der Gewerkschaftsmitglieder, die ihr Kreuz bei der AfD machen.

„Geschäfte“ laufen nicht gut

Obwohl sich die DGB-Gewerkschaften traditionell der SPD sehr verbunden fühlen, tun das immer weniger ihrer Mitglieder. Bei der Bundestagswahl 2025 fiel die SPD mit 20,6 Prozent in der Gunst der Gewerkschaftsmitglieder hinter CDU (23,2 Prozent) und AfD (21,8 Prozent) zurück.

Das hat die Forschungsgruppe Wahlen in ein er Nachwahlbefragung herausgefunden. Die AfD schnitt somit unter Gewerkschaftsmitgliedern sogar noch einen Prozentpunkt besser ab als in der gesamten Wählerschaft.

Kraftvolle Slogans wie „Unsere Arbeit schafft den Wohlstand“ können indes nicht darüber hinwegtäuschen, dass es den Gewerkschaften aktuell ähnlich wie den Unternehmen geht – ihre „Geschäfte“ laufen nicht gut.

(Veröffentlicht auf www.focus.de am 30. April 2026)


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