Presse

05.10.2016 | DIE WELT

In der Politik sind alle ersetzbar - außer uns! - Edmund Stoiber stellt Wolfgang Bosbachs Buch vor

Von Thomas Vitzthum

Zunächst muss Edmund Stoiber seinem Freund Wolfgang Bosbach eine Illusion nehmen. Nämlich die, dass es im politischen Ruhestand tatsächlich ruhiger werden könnte. "Diese Hoffnung ist trügerisch", sagt der ehemalige bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef. "Einer wie Du, der wie ich zum Verein der deutlichen Aussprache gehört, wird immer gefragt sein." Stoiber ist nach Berlin gekommen, um das neue Buch von und über Wolfgang Bosbach vorzustellen; den Mann, den die fernsehende deutsche Öffentlichkeit vor allem als den CDU-Innenexperten kennt.

Es ist ein Interview-Band, den Bosbach mit dem ehemaligen FAZ-Herausgeber Hugo Müller-Vogg erstellt hat. Beide hangeln sich eng an den derzeit aktuellen Themen entlang, von Flüchtlingen über innere Sicherheit bis zum vermeintlichen Profilverlust der Union. Interviewer und Interviewter erweisen sich dabei als Brüder im Geiste. Wahrscheinlich ist das Werk in zwanzig Jahren als Zeit-Dokument von hohem Interesse; um zu verstehen, wie 2016 über längst historisch gewordene Begebenheiten gesprochen wurde.

Der Titel "Endspurt" ist in mehrerlei Hinsicht vielsagend. Dahinter versteckt sich Ansporn, schließlich hat Bosbach nur noch ein Jahr als aktiver Politiker vor sich. 2017 wird er nicht mehr zur Bundestagswahl antreten. Zum anderen ist der Rheinländer seit Jahren schwer krebskrank und die Aussichten, damit noch alt zu werden, stehen, wie er selbst häufig betont, nicht besonders gut. Bosbach, so wird fabuliert, gehöre zu der Sorte Politiker, den die Politik am Leben erhalte. Sich einmal aus dem Bundestag hinaustragen lassen, das wollte er offensichtlich aber doch nicht.

Die Buchpräsentation der beiden Herren gerät zu einer Abrechnung mit dem Typus Politiker, der nach dem Ausscheiden Bosbachs noch stärker werden dürfte: der des Berufspolitikers und Anhängers der Political Correctness. Übermächtig sei die inzwischen in Deutschland, bedauern beide. "Ich sehe nicht wer die Lücke auffüllen kann", sagt Stoiber. Vordergründig ist die Botschaft: jeder ist ersetzbar. Vier Bewerber gibt es immerhin schon für Bosbachs Wahlkreisamt. Doch implizit vermitteln sowohl der CSU- als auch der CDU-Mann, dass sie sich selbst eigentlich für unabkömmlich halten.

Dabei mutet es schon etwas kurios an, wenn Stoiber betont, dass sie beide nicht zur Sorte Berufspolitiker gehörten. "Wir sind Rechtsanwälte, wir können auch ohne die Politik." Nun sind Juristen ja die im Bundestag zahlenmäßig am stärksten vertretene Berufsgruppe. Keine andere Disziplin prädestiniert so sehr für eine politische Laufbahn. Und sowohl Stoiber als auch Bosbach sind nicht erst seit gestern in Amt und Würden, sondern seit Jahrzehnten.

Von Bosbach weiß man, dass er in dieser Zeit gerne Minister geworden wäre. Es sei, so sagt er in Berlin, sein Traum gewesen, das Innenressort zu übernehmen. Nun erzählt er, wann und wie sein Traum zerplatzt ist. 2005 nach der Bundestagswahl traf er sich mit der damals knapp Kanzlerin gewordenen Angela Merkel, um über mögliche Ämter zu sprechen. "Ich habe das Kanzleramt verlassen im Glauben, dass es entweder das eine oder das andere würde", erzählt Bosbach. Das eine, das wäre der Job des Innenministers gewesen - sein Traum eben. Das andere, das hätte die Übernahme des Fraktionsvorsitzes von Volker Kauder sein können, den man damals als Kanzleramtsminister handelte. "Am Ende wurde es weder das eine noch das andere. Ich habe dann noch einmal mit der Kanzlerin gesprochen, das war das, was man wohl ein freimütiges Gespräch nennt."

Bosbach ist auch ein großer Unvollendeter. Zumindest was seine Karriere anbelangt. Als Innenexperte und bei den Bürgern sehr bekanntes und beliebtes Fernseh-Gesicht hat er diese Schmach kompensiert. Was denn gewesen wäre, wäre er Minister geworden, wird er gefragt. Die Entscheidung Angela Merkels, die Flüchtlinge aus Ungarn am 4. September 2015 ins Land zu holen, hätte er unterstützt. "Danach hätte man aber zum geltenden Recht zurückkehren müssen." Heißt: Die Leute an der Grenze zurückweisen.

Es ist dies der einzige Moment, wo Stoiber ihm widerspricht. Er halte Merkels Entscheidung für einen Fehler. "Ich hätte sie erst getroffen, wenn ich eine politische Position Europas gehabt hätte." So sei eine Grundentscheidung über die Köpfe der anderen Länder hinweg getroffen worden. Ein Minister Bosbach, ist Stoiber überzeugt, würde für eine andere Stimmung bei den Leuten sorgen. "Ein Innenminister hat auch die Aufgabe, den Menschen die Emotion zu geben, dass er sich für die innere Sicherheit einsetzt." Der Name des amtierenden Ressortchefs Thomas de Maiziere fällt nicht. Was Stoiber von ihm hält, ist offensichtlich.

Wolfgang Bosbach ist nicht nur ein Unvollendeter, er spurtet dem Ende seiner Laufbahn auch als ein Verkannter entgegen. Ständig wurde er als Abtrünniger gehandelt. Die Frage, ob sich der Klarsprecher nicht vorstellen könnte, von der CDU zur AfD überzulaufen, wurde ihm seit seinen Neins zu den Griechenlandhilfen immer wieder gestellt. "Unvorstellbar", sagt Stoiber dazu. Die CDU sei seinem Freund doch nicht nur politische Heimat. Falls er aber doch mal mit Fahnenflucht liebäugeln sollte? "Dann schicke ich Dir den Aufnahmeantrag für die Freunde der CSU. Wir nehmen dich gern." Dr. Thomas Sebastian Vitzthum

(Quelle: DIE WELT vom 05.10.2015)



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