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17.02.2012
Die Griechen und wir
Sparmaßnahmen, EFSF, Schuldenschnitt, Troika, Streiks, Rettungspaket, EZB-Milliarden, Ultimatum, Sparkommissar, letzte Frist, Sperrkonto, allerletzte Frist: Seit Mai 2010 ist Griechenland mindestens schon zehn Mal gerettet worden.
Nur: Nach der Rettung ist immer wieder vor der Rettung. Denn nach jedem Kraftakt stehen die Griechen schlechter da – und die Retter auch. Mit jeder neuen Kreditzusage steigen die Haftungssummen und Verbindlichkeiten der zahlungskräftigen Euro-Länder – allen voran die der Bundesrepublik.
Griechenland selber ist am Ende. Die harten Sparmaßnahmen sind zwar immer nur in Teilen umgesetzt worden. Aber auch das hat ausgereicht, um die Wirtschaft auf Schrumpfkurs zu schicken. Wer Steuern zahlen könnte und müsste, hat sein Geld längst außer Landes gebracht. Die Dummen sind die kleinen Leute. Sie sollen die Zeche bezahlen. Aber sie können keine weiteren Einschnitte hinnehmen – und wollen das auch nicht.
So wachsen Armut und Verzweiflung, steigt die Schuldenquote. Jeder weiß, dass auch das nächste Rettungspaket nichts Grundlegendes ändern wird. Und jeder Investor, der halbwegs bei Sinnen ist, steckt sein Geld nicht in ein Land, das wirtschaftlich und politisch am Ende ist.
Nach fast zweijähriger Dauerrettung ist das Urteil schnell gefällt: Die Politik hat versagt, ist vor den Finanzmärkten eingeknickt. Im Nachhinein lässt sich auch leicht behaupten, wir hätten die Griechen schon vor zwei Jahren zum Staatsbankrott und zum Austritt aus dem Euro zwingen sollen. Dann wäre das Thema längst erledigt.
Doch gemach: Die Dinge sind nicht ganz so einfach, wie mancher Kritiker es sich macht. Ein Bankrott Griechenlands hätte vor zwei Jahren noch unabsehbare Folgen gehabt. Heute ist das anders: Die Märkte haben das Land – ebenso wie Portugal – abgehakt. Irland, Spanien und Italien stabilisieren sich allmählich. Der permanente Rettungsfonds ESM ist vom 1. Juli an funktionsfähig. Die Banken haben ihre Griechenland-Kredite weitgehend abgeschrieben. Kurz: Die Brandmauern für den Fall der Fälle stehen.
Man sollte auch nicht unterschätzen, unter welchem Druck Europas Spitzenpolitiker standen und stehen. Wer von ihnen, allen voran Angela Merkel und Nicolas Sarkozy, will die Verantwortung auf sich nehmen, die Euro-Zone gesprengt und die Europäische Union in ihren Grundfesten erschüttert zu haben? Gerade wir Deutschen verdanken Europa viel zu viel, als dass wir sein Scheitern auch nur eine Sekunde in Betracht ziehen sollten.
Bei allen berechtigten Klagen über die griechischen Parteien und Politiker: Wir Deutsche sollten die Nase nicht zu hoch tragen. Auch in der Bundesrepublik gibt es griechische Verhältnisse – in Bremen, im Saarland und in Berlin.
Dort leben unsere „Griechen“: Sie sind bis über die Halskrause verschuldet, holen sich das, was sie brauchen, an einem Geldautomaten namens „Finanzausgleich“, scheren sich nicht darum, dass dieser Automat ständig von Bayern, Baden-Württemberg und Hessen gefüttert werden muss, und finden ihre Existenz auf Pump sogar noch sexy. Getreu dem Motto: Warum denn darben, wenn’s auch anders geht?
Nein, nicht alles was hinkt, ist ein guter Vergleich. Aber griechische Verhältnisse gibt’s nicht nur in Griechenland.
SUPERillu Nr.08/2012 vom 16.02.2012
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