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10.02.2012
Die „Piraten“ segeln auf einer Medien-Welle
Noch nie hat eine Partei, die mit der Ausnahme von Berlin bei allen Wahlen weit unter der 5-Prozent-Hürde bleibt, so viel mediale Aufmerksamkeit erzielt wie die „Piraten“.
Man muss nicht besonders kreativ oder gar mutig sein, um den Rücktritt des Bundespräsidenten zu fordern. Aber wenn die „Piraten“ dies tun, schaffen sie es in die Fernseh-Nachrichten. Und wenn dieser Bundesgeschäftsführerin dieser kleinen Partei mit 20.000 Mitgliedern im zarten Alter von 24 Jahren beschließt, ihr Studium zu Ende zu bringen, geht fast eine Schockwelle durch die Medien.
Noch nie hat eine Partei, die mit der Ausnahme von Berlin bei allen Wahlen weit unter der 5-Prozent-Hürde bleibt, so viel mediale Aufmerksamkeit erzielt wie die „Piraten“. Die Medien hätscheln diese neue Gruppierung geradezu, als wollten sie sie unbedingt in den nächsten Bundestag hineinschreiben.
Klar, die „Piraten“ bieten Stoff für gute Stories. Wer in Latzhosen und Kopftuch in einem Parlament sitzt, gibt ein besseres Fotomotiv ab als ein Abgeordneter mit Schlips und Kragen. Wenn eine junge, attraktive Bundesgeschäftsführerin über ihr Liebesleben twittert, dann ist das interessanter als die bekannten Sprechblasen anderer Bundesgeschäftsführer und Generalsekretäre. Und wer fände es – aus journalistischer Sicht – nicht spannend, den Willensbildungsprozessen einer Partei zuzuschauen, die bei der Antwort auf drängende Fragen wie die Eurokrise keine andere Antworten hat als das Vertrauen in die „Schwarmintelligenz“ ihrer Mitglieder.
Kein Zweifel: das alles ist spannend, zumal in den Zeiten von Internet, Facebook und Twitter. Die Grünen sind mit ihrem Anspruch, die einzigen und wahren Basis-Demokraten zu sein, recht schnell gescheitert. Doch stehen den „Piraten“ heute ganz andere technische Möglichkeiten zur Kommunikation von unten nach oben zur Verfügung.
Gleichwohl rechtfertigt die politische Bedeutung der „Piraten“ nicht das mediale „Ballyhoo“. Gut, sie sind mit 8,9 Prozent in Berlin ins Abgeordnetenhaus eingezogen, aber unter den besonderen Bedingungen der Hauptstadt. In Hamburg und Baden-Württemberg sind sie mit 2,1 Prozent gescheitert, in Rheinland-Pfalz mit 1,6 Prozent. Und bei den Kommunalwahlen in Hessen kamen sie dort, wo sie angetreten sind, im Durchschnitt auf 2,4 Prozent.
Niemand kann heute wissen, ob die „Piraten“ sich dauerhaft als sechste politische Kraft etablieren, oder sie den Bundestag „entern“ oder selber kentern. Aber es scheint, als hätten sie bisher relativ mehr Journalisten von sich überzeugt und begeistert als Wähler. Aber in einer Mediendemokratie sind die Medien für Parteimanager manchmal wichtiger als das Volk.
Erstveröffentlichung: rundy – Informationsdienst für Medien, 7. Februar 2011
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