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21.01.2012
Wulffs Lernprozess: „Besser die Wahrheit“
„Kinder und Narren sagen die Wahrheit“, weiß der Volksmund. Was im Umkehrschluss heißt: Alle anderen biegen sich ihre Wahrheiten mehr oder weniger zurecht, natürlich auch die Politiker.
So besehen hätte die Enthüllung, dass Christian Wulff als niedersächsischer Ministerpräsident im Zusammenhang mit einem Hauskredit dem Landtag nicht die ganze Wahrheit gesagt hat, nicht so viel Staub aufwirbeln dürfen. Eher ein Achselzucken: So sind sie eben, die Politiker.
Christian Wulff ist freilich nicht irgendein Politiker. Als Bundespräsident schwebt er über den parteipolitischen Niederungen, ist eine moralische Instanz, eine Art „weltlicher Oberpriester“ (der Historiker Hans-Peter Schwarz). Von einer solchen Lichtgestalt erwarten die Menschen viel mehr als von gewöhnlichen Politfunktionären.
Was noch hinzukommt: Einst als idealer Schwiegersohn eher belächelt, hat Christian Wulff als Präsident viel Sympathien gewonnen. Endlich mal kein alter Herr im Schloss Bellevue, sondern ein Mann Anfang 50, zum zweiten Mal verheiratet mit einer attraktiven jungen Frau, mit einem gemeinsamen Kind und zwei anderen aus früheren Beziehungen der beiden Eheleute. Keine heilige Familie also, sondern eine aus dem deutschen Alltag.
Zudem hat Christian Wulff stets Wert darauf gelegt, anders zu sein als die anderen Politiker – anständiger, aufrichtiger, ehrlicher. Tatsächlich hat er mehr als einmal Mut bewiesen, als er sich den eigenen Partei-Größen widersetzte. Über „schwarze Kassen“ in der CDU urteilte gnadenloser als seine Parteifreunde. Er war das Gegenbild zu scheinbar brutalen Machtpolitikern wie Gerhard Schröder oder Roland Koch. Die Gesprächsbiografie, die er 2007 zusammen mit mir veröffentlichte, trägt den Titel „Besser die Wahrheit“. Es war sein ausdrücklicher Wunsch.
Ausgerechnet dieser aufrechte Herr Wulff steht plötzlich am Pranger, weil er sich beim Hausbau erst von einem Freund und dann von einer staatlichen Bank in einer Weise helfen ließ, wie dem Mann auf der Straße nie und nimmer geholfen wird. Ausgerechnet dieser aufrechte Herr Wulff macht Urlaub in den Villen der Reichen und Schönen. Ausgerechnet dieser aufrechte Herr Wulff Urlaub übernimmt von seinem einstigen Widersacher Schröder dessen wohlhabende und großzügige hannoverschen Freunde.
Heute umweht den Präsidenten ein Hauch von Tragik. Er hat sich aus ärmlichen Verhältnissen nach oben gekämpft, als Schüler und Student eine kranke Mutter versorgt und eine kleine Schwester erzogen, später in der Politik schwere Niederlagen verdauen müssen. Seine erste Ehe ging in die Brüche. Ausgerechnet jetzt, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, holen ihn Verfehlungen ein. Sie sind nicht schwer genug, um ihn aus dem Amt zu vertreiben, beschädigen aber sein Image vom sanften Saubermann.
Dieser Präsident wird über günstige Kredite und eine geschenkte Werbekampagne für sein Buch freilich nicht stürzen. Aber er muss seine persönliche Glaubwürdigkeit wiederherstellen. Dann könnte er sogar gestärkt aus der Krise hervorgehen – als menschlicher Präsident mit kleinen Fehlern.
Konrad Adenauer, der alte Fuchs, hat zwischen drei Arten von Wahrheit unterschieden – der einfachen, der reinen und der lauteren Wahrheit. Sein Urenkel Wulff musste jetzt lernen, dass die einfache Wahrheit nicht immer ausreicht – besser ist allemal die lautere Wahrheit.
Quelle: „Das BILD-Jahr 2011 – Was uns bewegte“.
(Redaktionsschluss war der 27. Dezember 2011.)
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Kommentare
Von Reinhard G. Nießing | 27.01.2012Das Januar-BILD-Girl...
...ist weder die Skandalnudel Heidi Klum, noch eine der anderen barbusigen Nackedeis der BILD-Zeitung. Es ist zweifellos die First Lady unseres Landes.
Was Bettina Wulff alles aushalten musste und ausgestanden hat, ist anerkennenswert und im hohen Maße respektabel. Hochachtungsvoll.
Und noch eine Bemerkung zu den aktuellen Talkshows auf nahezu allen Kanälen.
"Wenn Du entdeckst, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab!"
(Weisheit der Dakota Indianer)
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