05.06.2026

Wie sich Armut herbeirechnen lässt

Die Wohlfahrtsorganisation „Paritätischer Gesamtverband“ ist der Dachverband von mehr als 10.700 sozial engagierten Organisationen. Die leisten zweifellos wertvolle Arbeit. Doch hat dieser Verband eine eindeutige politische Schlagseite. Er argumentiert schriller als andere Verbände der Wohlfahrtspflege. Da wird die Handschrift des langjährigen Hauptgeschäftsführers Ulrich Schneider deutlich, einem Mitglied der Linkspartei. Beim Ruf nach viel höheren Sozialleistungen und viel höheren Steuern läßt sich „Der Paritätische“ ungern übertreffen.

Ein Markenzeichen des Verbands ist der „Armutsbericht“, den er seit 1989 jährlich veröffentlicht. Der Tenor ist immer derselbe: Immer mehr Menschen leben angeblich in Armut, können sich das Nötigste kaum oder gar nicht leisten. Die neuesten Zahlen für 2025: Angeblich leben bei uns 13,3 Millionen Menschen in Armut, ist die Armutsquote auf 16,1 Prozent gestiegen.

Dieser Armutsbericht basiert unter anderem auf Zahlen des Statistischen Bundesamts. Es errechnet jährlich die „Armutsgefährdungsquote“. Nach einer Definition der EU gilt eine Person als armutsgefährdet, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung (Äquivalenzeinkommen) verfügt. 2025 lag dieser Schwellenwert für Singles netto (nach Steuern und Sozialabgaben) bei 1.446 Euro im Monat und für Haushalte mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern bei monatlich 3.036 Euro.

Würden alle Gehälter und Sozialleistungen verdoppelt, bliebe die „Armutsquote“ unverändert

Was Statistiker übereinstimmend als „Armutsgefährdungsquote“ bezeichnen, wird dank des sozialistischen Agitprop-Stils des „Paritätischen“ zur „Armutsquote“. Diese Verfälschung kommt bei den meisten Medien gut an, allen voran den Öffentlich-Rechtlichen. Tagesschau und „heuet“ verbreiteten geradezu begeistert die These von der zunehmenden „Armut“.

Ob korrekt von „Armutsgefährdung“ oder agitatorisch von „Armut“ die Rede ist - der 60-Prozent-Maßstab selbst ist höchst fragwürdig. So zählen die meisten Auszubildenden und Studenten zu den „Armen“, obwohl es in der Natur der Sache liegt, dass junge Leute ohne Beruf noch kein Gehalt beziehen.

Wie fragwürdig diese Berechnungsmethode ist, zeigt ein einfaches Gedankenspiel. Würden alle Gehälter und Sozialleistungen von heute auf morgen verdoppelt, verdoppelte sich der Schwellenwert bei Ledigen auf rund 2.900 Euro. Doch es würden weiterhin 16,1 Prozent als „arm“ gelten. Die Absurdität dieser Messmethode ist also offenkundig. Sie misst nämlich nicht absolute Armut, sondern Ungleichheit. Würden alle dasselbe verdienen, läge die Quote bei Null. Anders formuliert: Wenn alle gleich arm sind, ist nach dieser Methode niemand armutsgefährdet. Deshalb würde die DDR, wenn es sie noch gäbe, bei internationalen Armuts-Vergleichen sehr gut abschneiden.

Nur weil es uns gut geht, können wir uns Armutsforscher leisten

Die Fragwürdigkeit der von der „Armutslobby“ so gern verwendeten Methode zeigt sich gerade im internationalen Vergleich. Luxemburg, ein sehr wohlhabendes Land mit der höchsten Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung in Europa, kommt auf eine „Armutsgefährdungsquote“ von 20 Prozent. Tschechien und Slowenien, wirtschaftlich nicht gerade prosperierende Länder, haben nur 11,3 beziehungsweise 14,4 Prozent „Arme“. Ist es auch Unsinn, so hat es doch Methode.

Der „Paritätische“ schlüsselt die „Armen“ auch nach Nationalitäten auf. Unter Deutschen berträgt die Quote 13,3 Prozent, unter den hier lebenden Ausländern hingegen 32,6 Prozent. Das bedeutet, dass die Bundesrepublik durch ihre Politik der weit geöffneten Grenzen „Armut“ importiert hat. Allerdings dürften sich viele Zuwanderer gar nicht arm fühlen. Nicht wenige sind ja gerade deshalb - mit welcher Begründung auch immer - nach Deutschland gekommen, weil es ihnen hier mit der „Stütze“ materiell viel besser geht als in ihren Herkunftsländern.

Auch ohne eine mehr oder weniger seriöser Messung von Armut wird niemand bestreiten, dass es bei uns auch bittere Armut gibt. Aber wir leben - anders als die „Armutsindustrie“ uns einzureden versucht - nicht in einem Armenhaus. Vielmehr beneiden viele Länder uns um unser immer noch hohes Wohlstandsniveau. Übrigens: Nur weil es uns gut geht, können wir uns so viele aus Steuermitteln finanzierte Armutsforscher leisten.

(Veröffentlicht auf www.cicero.de am 5. Juni 2026)


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