
Es gärt in der CSU. Ausgerechnet die Partei, die sich stets als die erfolgreichste konservative Kraft in Europa rühmt, hat in Bayern deutlich an Gewicht eingebüßt. Von den früher üblichen Wahlergebnissen „50 Prozent plus X“ ist sie weit entfernt.
Mit Markus Söder als Nummer eins ist die CSU in zwei Landtagswahlen nicht über 37 Prozent hinausgekommen. Schlimmer noch: Sie konnte weder den Aufstieg der AfD noch den der Freien Wähler verhindern.
Hinzu kam jetzt das mit 32,5 Prozent schlechteste Kommunalwahlergebnis. Gleich 13 Landratsposten gingen verloren - und das ausgerechnet an die Freien Wähler (FW) des Hubert Aiwanger.
Das war und ist schon deshalb besonders schmerzhaft, weil die kommunale Verankerung die Basis für die führende Position der CSU in Bayern ist. Denn die Landräte gelten im Freistaat als „kleine Könige“, die ihren Kreis prägen.
Söder ohne überragende Wahlergebnisse
Die alles andere als überragenden Wahlergebnisse seit 2018 werden in der CSU nicht zuletzt Ministerpräsident Markus Söder angelastet. Wer Land und Partei straff wie ein Ein-Mann-Unternehmen führt, darf sich nicht wundern, wenn er für Misserfolge in Haftung genommen wird.
Manfred Weber, Söders Vize in der Partei und führender Unionspolitiker im Europäischen Parlament, hat dem CSU-Chef jetzt in einem „Pfingstbrief“ die Leviten gelesen. Seine Kritik: Der CSU fehlten Konzepte, und Klick-Zahlen könnten nicht das entscheidende Erfolgskriterium sein. Webers Fazit: Die Partei brauche eine Grundsatzdiskussion.
CSU-Urgestein Peter Gauweiler, kein Weber-Freund und viele Jahre CSU-Vize, steuerte einen eigenen Vorschlag bei, wie die CSU wieder schlagkräftiger werden könne.
Eine Liste CSU/Freie Wähler außerhalb Bayerns?
Gauweiler, der gern wider den Strich bürstet, wärmte in einem Gespräch mit „Welt-TV“ den wie das Ungeheuer von Loch Ness immer wieder auftauchenden Vorschlag auf, die CSU solle bei der nächsten Bundestagswahl auch außerhalb Bayerns antreten.
Diese keineswegs neue Überlegung garnierte Gauweiler mit einem Zusatz: Dies solle in einer Listenverbindung mit den Freien Wählern (FW) geschehen. Diesem Projekt gibt Gauweiler schon deshalb gute Chancen, weil es in Deutschland eine Mehrheit „Mitte-rechts“ gebe, das Land aber „Mitte-links“ regiert werde.
Die CSU bundesweit auszudehnen, das hatte schon der große Franz Josef Strauß in dem legendären Kreuther Beschluss von 1976 angestrebt. Doch schreckte Strauß schnell wieder zurück, als Helmut Kohl die Gründung eines CDU-Landesverbands in Bayern ankündigte.
Schon Strauß fürchtete einen Einmarsch der CDU in Bayern
Bei einem Einmarsch der CDU in Bayern wäre es nämlich vorbei gewesen mit der damaligen CSU-Herrlichkeit und ihren Wahlergebnissen von „50 plus X Prozent“. Bei diesem Gedanken bekam selbst Strauß schnell kalte Füße.
Theoretisch lässt sich sich auch heute gut begründen, dass die CSU außerhalb Bayerns konservative Wähler überzeugen könnte, denen die CDU zu profillos geworden ist. Nur: Die CSU hat unter Söder schon lange nicht mehr das klare konservative Profil wie noch unter Edmund Stoiber.
Damals stand die CSU für einen modernen Konservatismus, eine deutschlandweit einmalige Industriepolitik sowie eine gezielte Sozialpolitik. Das wird heute teilweise überschattet durch die Sprunghaftigkeit und Beliebigkeit Söders.
Falls Gauweilers Kalkül aufginge, könnte eine außerhalb Bayerns kandidierende CSU zusammen mit den Freien Wählern die auf die Unionsparteien entfallenden Stimmen vermehren. Das wäre freilich für die CDU nachteilig. Denn der Anteil der CDU-Abgeordneten in der CDU/CSU-Fraktion würde sinken, der Einfluss der CSU dagegen gestärkt.
Der Gewinner bei dieser Konstellation wären in erster Linie die CSU und in ihrem Gefolge die Freien Wähler. Aus CDU-Sicht ist das alles andere als eine verlockende Perspektive. Immerhin blieben die rund zwei Prozent, mit denen die Freien Wähler im Bund rechnen können, dem bürgerlicheren Lager erhalten.
CDU und CSU bräuchten ein ausgeklügeltes Übereinkommen
Diese Idee ist schon häufig diskutiert worden, ohne die strikten Bedenken der CDU zu zerstreuen. Denn eine einvernehmliche Lösung wäre nur möglich, wenn die CDU ihrerseits darauf verzichten würde, in Bayern anzutreten. Anderenfalls könnte die CSU nicht mehr fast alle bayerischen Wahlkreise gewinnen, was ihre Position schwächte.
Die Operation „CSU im Bund“ erforderte ein ausgeklügeltes Übereinkommen der beiden Schwesterparteien. So wäre denkbar, dass die CSU/FW außerhalb Bayerns keine Direktkandidaten aufstellt, um der CDU keine Direktmandate wegzunehmen.
Über solche Strategien lassen sich zweifellos kluge Seminararbeiten oder Leitartikel schreiben. Aber realistisch ist das alles nicht.
Denn die Rechnung ist einfach. Selbst wenn CDU, CSU und CSU/Freie Wähler zusammen mehr Stimmen auf sich vereinigen könnten als CDU und CSU allein, so ginge das im Binnenverhältnis zu Lasten der CDU. Dazu war diese in der Vergangenheit nie bereit.
Ohnehin kann niemand vorhersehen, wie sich die Konkurrenz von CDU und CSU/FW außerhalb Bayerns auf den Wahlkampf auswirken würde. Denn die CDU wird nicht kampflos auf Zweitstimmen verzichten. Das würde sie nämlich Listenmandate kosten.
Ein „Bruderkrieg“ der Unionsparteien wäre nicht ausgeschlossen.
Letztlich kämpfen CDU und CSU/FW außerhalb Bayerns um dieselben Wähler: bisherige CDU-Wähler und AfD-Sympathisanten, denen diese Partei zu extremistisch geworden ist.
Da wäre ein „Bruderkrieg“ wäre nicht auszuschließen. Wie die Geschichte lehrt, verlaufen solche Auseinandersetzungen besonders blutig. Das wäre hier nicht anders.
Bayern steht unverändert im Ländervergleich gut da, was nicht zuletzt das Verdienst der CSU-geführten Landesregierungen ist. Aber gemessen an den Wählerstimmen wird die CSU tendenziell schwächer.
Was immer die Gründe für die Schwächen der CSU sein mögen: Mit einer Ausdehnung über die blau-weißen Grenzen hinaus lassen sich diese nicht beheben.
(Veröffentlicht auf www.focus.de am 2. Juni 2026)