
In Berlin geht ein Gerücht um: Kanzler Friedrich Merz (CDU) soll dabei im laufenden Betrieb ausgetauscht werden – gegen NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst. Sollte die Union ernsthaft eine Operation Kanzlertausch erwägen, ginge sie damit ein unkalkulierbares politisches Risiko ein. Schließlich stellt Schwarz-Rot nur zwölf Abgeordnete mehr, als zur Kanzlermehrheit – das sind 316 von 630 Stimmen – benötigt werden.
Kanzlerwechsel mitten in einer Legislaturperiode hat es bisher zwei Mal gegeben: 1966 von Ludwig Erhard zu Hans-Georg Kiesinger (beide CDU) und 1974 von Willy Brandt zu Helmut Schmidt (beide SPD). Aber in beiden Fällen verfügten die neue Große Koalition wie das SPD/FDP-Bündnis über eine gesicherte Mehrheit.
Kanzlertausch wäre ideale Gelegenheit für Koalitions-Sprenger
Das wäre jetzt anders. Merz-Anhänger in der CDU/CSU-Fraktion könnten ihre Zustimmung verweigern. Ebenso linke SPD-Abgeordnete, die ohnehin lieber heute als morgen Schwarz-Rot beenden würden. Bei einer knappen Mehrheit eine höchst riskante Gemengelage.
Da jede Kanzlerwahl eine geheime Wahl ist, böte sich Heckenschützen in Union wie SPD die ideale Gelegenheit, ihrem Unmut über die politische Entwicklung Ausdruck zu verleihen – ganz ohne Risiko im Schutz der Anonymität. Ein Kanzlerkandidat, der die Mehrheit verfehlte, wäre schwer beschädigt – und die Union mit ihm. Schon dass Merz im vergangenen Jahr im ersten Kanzler-Wahlgang scheiterte, hat ihn beschädigt.
Der Versuch eines Kanzlerwechsels bei knapper Mehrheit gleicht russischem Roulette: Er kann gelingen, aber auch scheitern. Ob Wüst mit Blick auf die NRW-Wahl im Frühjahr 2027 dieses Risiko überhaupt einginge, ist offen.
Schon Kohl bügelte Kanzlertausch mit Verweis auf den „GAU” ab
In der Union gab es schon einmal Überlegungen, den Kanzler zu tauschen. Das war 1997, als der schwer angeschlagene Kanzler Helmut Kohl nach Ansicht nicht weniger CDU-Politiker durch Wolfgang Schäuble ersetzt werden sollte.
Kohl dachte nicht daran,abzudanken. Und er argumentierte damals mit der knappen Mehrheit von Schwarz-Gelb. Da Schäuble in der FDP nur wenige Freunde hatte, war zu befürchten, dass er die Kanzlermehrheit verfehlen würde.
Die Aussichten auf einen solchen „GAU“ sorgten für ein schnelles Ende entsprechender Überlegungen. Hinzu kam, dass Schäuble nicht bereit gewesen wäre, den Wechsel gegen den Widerstand Kohls zu versuchen. Dafür war er, ungeachtet aller Kritik am Kanzler, zu loyal.
Kanzlertausch spielt in Leitartikeln größere Rolle als im Politikbetrieb
Es spricht viel dafür, dass die Operation Kanzlertausch in den Leitartikeln aktuell eine größere Rolle spielt als im politischen Betrieb. Diese Koalition wird mit dem Kanzler Merz „weiterwursteln“ – das wird vor allem die Merkelianer enttäuschen.
Denn obwohl Altkanzlerin Angela Merkel ihren Nach-Nachfolger Merz öffentlich nicht direkt kritisiert, erweckt sie gern den Eindruck, in ihrer Amtszeit wäre Deutschland besser regiert worden als heute. Fehler hat sie – nach eigener Darstellung – keine gemacht.
Man darf getrost unterstellen, dass Merkel es nicht kritisieren würde, falls Merz durch den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Hendrik Wüst ersetzt würde. Mit ihr würden ihre verbliebenen Fans in der Union jubeln, die Merz nie verziehen haben, dass die CDU unter ihm deutlich von Merkels Politik abgerückt ist.
Merz ging auf Distanz, Wüst suchte die Nähe zu Merkel
Anders als mit Merz hatte Merkel mit Wüst nie eine ernsthafte Auseinandersetzung. Der gehörte zwar 2007 mal zu einem Kreis jüngerer Unionspolitiker, der die Union und die Kanzlerin zu einer konservativeren Politik bewegen wollte. Doch diese „Einstein-Connection“, zu der auch der damalige CSU-Generalsekretär Markus Söder zählte, erlangte keine große Bedeutung und schlief bald wieder ein.
Die gute Beziehung von Merkel zu Wüst und umgekehrt unterstrich der NRW-Regierungschef 2023, als er die Ex-Kanzlerin mit dem NRW-Staatspreis ehrte. Das fiel in die Zeit, als Merz als Oppositionsführer viel dafür tat, zu Merkels Politik auf größtmögliche Distanz zu gehen. Wahrscheinlich würde Merkel viel lieber Wüst im Kanzleramt sehen als ihren ewigen Gegenspieler Merz. Aber auf die Ex-Kanzlerin kommt es nicht mehr an.
(Veröffentlicht auf www.focus.de am 28.05.2026)